Sonntag, 9. Dezember 2018
Meine persönliche Anleitung zum Unglücklichsein
Ich: Ich brauche jemanden zum Reden, denn egal, ob ich alles bekomme, was ich wirklich will: Es sind doch andere Menschen, die das Leben lebenswert machen.

[Meine innere Stimme betritt die Bühne]

Innere Stimme: Ich brauche jemanden zum Reden, aber ich habe Angst, ihn so sehr zu brauchen, dass ich ohne ihn nicht mehr glücklich sein kann.

Ich: Wäre es nicht wunderbar, zumindest mit diesem Jemand glücklich zu sein, wenn ich es schon allein nicht kann?

Innere Stimme: Sollte ich nicht allein zurechtkommen?

Ich: Eine blöde, kulturell geprägte Vorstellung. [sarkastisch] Alle Menschen müssen alleine zurechtkommen. Niemand sollte mehr eine Beziehung eingehen. Wer eine Beziehung eingeht, zeigt damit, dass er einen schwachen Charakter hat, der Stütze braucht, und ist damit minderwertig. Wer wirklich ein Mensch, ein voll entwickelter und zum Individuum gewordener Mensch ist, der bracht niemand anderen. Man braucht auch keine Familien mehr zu gründen. Kinder brauchen andere Menschen, und das ist primitiv. Außerdem ist das alles nur eine Belastung.

Innere Stimme: Darüber hinaus sollte man andere Menschen nicht um Auskunft bitten, sondern alles selber herausfinden. Es ist so schwach, wenn einem erst Ideen kommen, wenn man mit anderen Menschen ein Problem bespricht. Wieso kommt man nicht von selber drauf, wenn man allein ist? Und wieso braucht man andere Menschen, um zu Inspiration zu kommen? Ein Streichholz braucht einen Gegenpart, an dem man es anzündet, doch ein Mensch muss ein self-starter…

Ich: Karrieremenschen-Neusprech!

Innere Stimme: ...ein self-starter sein. Andere Menschen sind nur Ressourcen, die er ausbeutet, aber er braucht sie doch nicht an sich, als Menschen, wegen der Beziehungen! Das wäre rückständig, geradezu unanständig! Wenn du so Dinge sagst wie, „Ich brauche jemanden zum Reden“, dann menschelt mir das zu sehr. All diese menschlichen Schwächen ekeln mich an, und wie die Menschen einander tragen und unterstützen, um ihre Fehler auszugleichen und einander über Probleme hinwegzuhelfen zeigt doch nur, wie fehlerhaft sie sind, und das dabei noch nicht einmal schlimm, sondern nobel finden! Jeder sollte in der Lage sein, aufrecht zu gehen, und wer es nicht kann, der fällt eben. So ist das Gesetz der Natur.

Ich: Das Gesetz der Wildnis.

Innere Stimme: Menschlichkeit ist Schwäche. Wer Fehler macht, wird vom Leben vernichtet. Die Dummen vernichten sich selbst, sterben an ihrer eigenen Dummheit, und man sieht einfach zu, wie die Natur ihren Lauf nimmt, wie passiert, was passieren muss.

Ich: Wenn ich auf dich höre, ist das, als läge ich auf der Guillotine und ein Beil würde auf mich herabsausen. Mehrmals täglich lasse ich mich von dir hinrichten.

Innere Stimme: Ab mit deinem Kopf!

Ich: Du hast nichts zu geben, weder Wahrheit noch Trost. Die Wahrheit ist: Ich brauche jemanden zum Reden. Jemandem, mit dem ich frei reden kann, denn das fühlt sich gut und richtig an, wie das, wozu ich als Mensch bestimmt bin. Ich bin ein Mensch und damit ein Tier mit besonderen Fähigkeiten und Schwächen. Ich darf andere brauchen, meine Herde, mein Rudel, doch ich will nicht nur irgendwen. Ich brauche die Natur. Ich muss reden, schreiben, etwas schaffen, ich, wie alle Menschen, mache und brauche Kultur. Ich brauche die Stille, und dass es abends dunkel wird und ich die Sterne sehe, anstatt von hellen Lichtern und einem Bildschirm wachgehalten zu werden. Ich brauche Gnade und Mitgefühl statt Verurteilung, doch am allermeisten brauche ich gute Beziehungen mit anderen, und mit mir selbst. Ich will mir nicht mehr Henker und Gehenkter sein. Ganz innen, im verborgensten Winkel, erklingt ein Flüstern, an das ich mich halten werde, und das ich hören muss, also schweig.

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